Wie Vögel navigieren

Die bemerkenswerte Wissenschaft hinter der Orientierung und Navigation von Vögeln

# Wie Vögel navigieren

Die Fähigkeit von Vögeln, über Tausende Kilometer merkmalloser Ozeane und unbekannten Geländes hinweg ein präzises Ziel zu erreichen, gehört zu den großen Wundern der Natur.

## Die Navigationsherausforderung

Navigation erfordert zwei Fähigkeiten: einen Kompasssinn (das Wissen, in welche Richtung zu fliegen ist) und einen Kartensinn (das Wissen um die eigene Position relativ zum Ziel). Vögel besitzen beide und nutzen mehrere überlappende Systeme, die Redundanz und Präzision liefern. Junge Vögel auf ihrem ersten Zug nutzen typischerweise eine einfache angeborene Kompassrichtung. Erwachsene Vögel, die die Reise bereits zurückgelegt haben, können echte Navigation einsetzen – eine Kurskorrektur nach Verdriftung.

## Der Sonnenkompass

Viele ziehende Vögel nutzen die Sonne als Kompass und gleichen deren Bewegung über den Himmel mithilfe einer inneren zirkadianen Uhr aus. Uhrverschiebungsexperimente haben dies elegant demonstriert: Vögel, deren innere Uhr vor- oder zurückgestellt wurde, orientierten sich systematisch in verschobene Richtungen. Der Sonnenkompass ist tagsüber und bei klarem Wetter am nützlichsten.

## Der Sternenkompass

Nachtziehende Vögel nutzen die Sterne zur Orientierung. Junge Vögel lernen das Muster der Sternenrotation während ihres ersten Sommers und identifizieren den Himmelspol als Nordreferenz. Stephen Emlens bahnbrechende Experimente mit Indigofinken in einem Planetarium wiesen diesen Mechanismus nach. Der Sternenkompass wird während einer sensiblen Lernphase im Jugendalter kalibriert.

## Magnetsinn

Die Magnetorezeption – die Fähigkeit, das Erdmagnetfeld wahrzunehmen – ist vielleicht das rätselhafteste Navigationswerkzeug. Zwei zentrale Hypothesen stehen im Wettstreit. Der Radikalpaar-Mechanismus geht davon aus, dass Cryptochrome im Auge des Vogels visuelle Muster erzeugen, die von der Ausrichtung des Magnetfelds beeinflusst werden. Die Magnetit-Hypothese geht davon aus, dass Eisenoxidkristalle im Schnabel Feldstärke und -richtung erfassen. Neuere Forschung deutet darauf hin, dass beide Mechanismen gleichzeitig wirken und unterschiedliche Informationsarten liefern könnten.

## Weitere Navigationshinweise

Vögel nutzen zudem visuelle Landmarken, olfaktorische Karten, Infraschall und Windmuster. Das Zusammenspiel dieser vielfältigen Systeme verleiht Vögeln ein Navigationswerkzeug von bemerkenswerter Raffinesse. Kein einzelnes System reicht allein aus, doch gemeinsam ermöglichen sie Navigationsleistungen, an die die menschliche Technik erst in jüngster Zeit heranreicht.

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